Finanzbildung· Lernpfad Profi · Lektion 12 ·19 Min. · Stand:

Optionen verstehen: Calls, Puts und die Griechen

Was bei Optionen zuerst schiefgehen kann, was Call und Put, Strike, Prämie sowie innerer Wert und Zeitwert bedeuten und was Delta, Gamma, Theta und Vega messen.

Was bei Optionen zuerst schiefgehen kann, was Call und Put, Strike, Prämie sowie innerer Wert und Zeitwert bedeuten und was Delta, Gamma, Theta und Vega messen.

Das lernst du hier

  • Du verstehst zuerst, was bei Optionen schiefgehen kann, für Käufer wie für Verkäufer.
  • Du kannst Call und Put, Strike und Prämie sowie inneren Wert und Zeitwert erklären.
  • Du weißt grob, was Delta, Gamma, Theta und Vega messen und warum implizite Volatilität den Preis bewegt.

Hilfreich vorab: Profi-Denken beginnt mit Risikomanagement, Risikokennzahlen: Volatilität, Drawdown, Sharpe

Lea reizt an Optionen vor allem der Hebel. Mit einem kleinen Einsatz lässt sich die Bewegung einer viel größeren Aktienposition mitnehmen, und sie hat gehört, man könne mit Optionen sogar Risiken gezielt absichern. Beides stimmt im Prinzip. Doch Lea hat sich angewöhnt, bei jedem neuen Instrument zuerst zu fragen, was schiefgehen kann, und erst danach, was es bringt. Bei Optionen ist diese Reihenfolge nicht optional, sie ist überlebenswichtig.

Eine Option ist ein Termingeschäft, also ein Vertrag über ein Recht in der Zukunft. Die BaFin zählt solche Optionen ausdrücklich zu den Derivaten, deren Wert sich von einem Basiswert wie einer Aktie ableitet. Genau dieser Hebel, der die Gewinne vergrößert, vergrößert auch die Verluste, und bei Optionen kommt eine zweite Falle dazu: die Zeit, die unaufhörlich gegen den Käufer läuft.

Diese Lektion erklärt dir zuerst die Risiken, dann die Bausteine: Call und Put, Strike und Prämie, inneren Wert und Zeitwert, die Payoff-Profile und die vier wichtigsten Kennzahlen, die Griechen. Sie ist Wissen zum Verstehen, keine Anleitung zum Handeln und erst recht keine Empfehlung. Kein Lernziel hier verlangt, echtes Geld einzusetzen.

Was kann schiefgehen?

Beginnen wir mit dem unangenehmen Teil, denn er entscheidet alles. Optionen haben zwei Seiten mit sehr unterschiedlichen Risiken.

Der Käufer einer Option zahlt eine Prämie und erwirbt damit ein Recht. Sein maximaler Verlust ist diese Prämie, das klingt harmlos, ist aber ein Totalverlust des Einsatzes, und er tritt häufig ein. Der Grund ist die Zeit: Eine gekaufte Option verliert mit jedem Tag an Zeitwert. Selbst wenn sich der Kurs leicht in die erhoffte Richtung bewegt, kann die Option wertlos verfallen, weil die Bewegung zu klein war. Man kann also bei der Richtung recht haben und trotzdem alles verlieren.

Der Verkäufer, auch Stillhalter genannt, steht auf der anderen Seite. Er bekommt die Prämie und übernimmt dafür eine Pflicht. Sein Gewinn ist auf die kleine Prämie begrenzt, sein Verlust dagegen ist groß und im Fall eines ungedeckten Calls theoretisch unbegrenzt, weil eine Aktie beliebig weit steigen kann. Diese Asymmetrie ist die gefährlichste Eigenschaft des Optionsgeschäfts: viele kleine Gewinne, denen ein einzelner großer Verlust alles nehmen kann.

Dazu kommt der Hebel. Die BaFin weist regelmäßig darauf hin, dass der Hebel in beide Richtungen wirkt und ein Totalverlust selbst bei seitwärts laufenden Kursen möglich ist. Optionen sind deshalb kein Einsteigerinstrument und gehören, wenn überhaupt, nur in den kleinen, bewussten Risikoteil eines Depots, wie ihn die Lektion Profi-Denken beginnt mit Risikomanagement beschreibt. Mehr zu den regulatorischen Warnungen rund um Hebelprodukte steht in der Lektion Alternative Investments im Überblick.

Was eine Option ist

Jetzt zu den Bausteinen. Eine Option ist das Recht, einen Basiswert zu einem vorher festgelegten Preis bis zu einem bestimmten Termin zu kaufen oder zu verkaufen. Zwei Grundtypen gibt es.

Ein Call gibt dem Käufer das Recht, den Basiswert zum festgelegten Preis zu kaufen. Mit ihm setzt man auf steigende Kurse. Ein Put gibt das Recht, zum festgelegten Preis zu verkaufen, und gewinnt an Wert, wenn die Kurse fallen. Der festgelegte Preis heißt Strike oder Basispreis, der Endtermin ist die Laufzeit oder der Verfall, und der Preis, den der Käufer zahlt, ist die Prämie.

Entscheidend ist die Rollenverteilung: Der Käufer hat ein Recht, das er nutzen kann oder verfallen lässt. Der Verkäufer hat die Pflicht, zu liefern oder abzunehmen, wenn der Käufer sein Recht zieht. Recht gegen Pflicht, das ist der Kern jedes Optionsgeschäfts.

Innerer Wert und Zeitwert

Die Prämie einer Option setzt sich aus zwei Teilen zusammen, und dieser Unterschied erklärt die meisten teuren Überraschungen. Die Optionsprämie ist die Summe aus innerem Wert und Zeitwert.

Der innere Wert ist der Betrag, den die Option sofort einbringen würde. Bei einem Call ist das der aktuelle Kurs minus Strike, sofern positiv, bei einem Put der Strike minus aktueller Kurs. Liegt der Strike ungünstig, ist der innere Wert null. Der Zeitwert ist alles, was darüber hinausgeht. Er ist der Preis für die Chance, dass sich der Kurs bis zum Verfall noch günstig bewegt. Mit jedem Tag schrumpft dieser Zeitwert, und am Verfallstag ist er null. Übrig bleibt dann nur der innere Wert.

Ein durchgerechnetes Beispiel macht das greifbar. Annahme: Eine Aktie steht bei 100 Euro. Lea kauft als gekennzeichnetes Lernbeispiel einen Call mit Strike 100 Euro und drei Monaten Laufzeit für eine Prämie von 5 Euro je Aktie. Der innere Wert ist null, die vollen 5 Euro sind Zeitwert. Das sind Modellannahmen, keine Empfehlung und keine Garantie. Schauen wir auf den Verfallstag in drei Szenarien.

  • Aktie bei 110 Euro: innerer Wert 10 Euro, die Option ist 10 Euro wert. Gewinn 5 Euro je Aktie, also plus 100 Prozent. Die Aktie stieg 10 Prozent, die Option verdoppelte sich. So sichtbar wird der Hebel.
  • Aktie bei 103 Euro: innerer Wert 3 Euro. Obwohl die Aktie gestiegen ist, ist die Option weniger wert als die gezahlten 5 Euro. Verlust 2 Euro je Aktie, also minus 40 Prozent, trotz richtiger Richtung.
  • Aktie bei 100 Euro oder darunter: innerer Wert null, die Option verfällt wertlos. Totalverlust der Prämie, minus 100 Prozent.

Der Zeitwert, den Lea bezahlt hat, ist der Preis, den der Verkäufer kassiert. Steigt die Aktie dagegen auf 130 Euro, ist der Call 30 Euro wert. Ein ungedeckter Verkäufer verliert dann 25 Euro je Aktie, viel mehr als die 5 Euro Prämie, die er erhalten hat. Genau diese Schieflage macht das Verkaufen ungedeckter Optionen so gefährlich.

Payoff-Profile

Wenn man Gewinn und Verlust gegen den Kurs des Basiswerts aufträgt, werden die Asymmetrien zu klaren Bildern. Beim gekauften Call ist der Verlust nach unten auf die Prämie begrenzt, während der Gewinn nach oben mit steigendem Kurs immer weiter wächst. Beim gekauften Put ist es spiegelbildlich: begrenzter Verlust, großer Gewinn bei fallenden Kursen, weshalb Puts auch zur Absicherung dienen.

Für den Verkäufer kehren sich diese Bilder um. Sein Gewinn ist auf die Prämie gedeckelt, sein Verlust wächst, je weiter sich der Kurs gegen ihn bewegt. Ein Käufer hat also ein bekanntes, begrenztes Risiko und eine offene Chance, ein Stillhalter eine begrenzte Chance und ein offenes Risiko. Wer das verinnerlicht, versteht schon die halbe Optionswelt.

Die Griechen: was den Preis bewegt

Der Preis einer Option hängt von mehreren Größen ab, und für jede gibt es eine Kennzahl, einen sogenannten Griechen. Du musst sie nicht berechnen können, aber ihre Richtung verstehen.

  • Delta misst, wie stark sich der Optionspreis bewegt, wenn der Basiswert sich um einen Euro ändert. Bei Calls liegt es zwischen 0 und 1, bei Puts zwischen 0 und minus 1.
  • Gamma misst, wie schnell sich das Delta selbst ändert. Es beschreibt, wie sprunghaft eine Option auf größere Kursbewegungen reagiert.
  • Theta misst den täglichen Zeitwertverfall. Es ist der ständige Gegenwind des Käufers, der selbst bei leicht steigenden Kursen Geld kosten kann.
  • Vega misst, wie stark der Optionspreis auf eine Änderung der Volatilität reagiert.

Theta und Vega sind die beiden Größen, die Einsteiger am häufigsten unterschätzen, weil sie nichts mit der Kursrichtung zu tun haben und trotzdem über Gewinn oder Verlust entscheiden.

Implizite Volatilität: der Preis der Erwartung

Die letzte wichtige Größe ist die implizite Volatilität. Sie ist die im Optionspreis eingebaute Erwartung des Marktes, wie stark der Basiswert künftig schwanken wird. Was Volatilität als Risikomaß bedeutet, vertieft die Lektion Risikokennzahlen verstehen.

Je höher die implizite Volatilität, desto teurer die Option, denn große erwartete Schwankungen erhöhen die Chance, dass die Option ins Geld läuft. Das hat eine unbequeme Folge. Wer eine Option kauft, wenn die erwartete Schwankung gerade hoch ist, etwa kurz vor einem wichtigen Termin, zahlt einen hohen Preis. Beruhigt sich der Markt danach, fällt die implizite Volatilität, und die Option verliert an Wert, selbst wenn der Kurs sich in die richtige Richtung bewegt hat. Du kannst also bei der Richtung recht haben und trotzdem verlieren, weil du zu teuer eingekauft hast. Genau diese Empfindlichkeit misst Vega.

Typische Fehler

Vier Muster führen bei Optionen besonders zuverlässig zu Verlusten:

  1. Nur an die Richtung denken. Zeit und Volatilität entscheiden mit. Recht haben reicht nicht, man muss auch rechtzeitig und nicht zu teuer recht haben.
  2. Den Zeitwertverfall unterschätzen. Eine gekaufte Option ist ein schmelzender Eiswürfel. Theta arbeitet jeden Tag gegen den Käufer.
  3. Ungedeckte Optionen verkaufen, ohne das Risiko zu begreifen. Die kleine Prämie verführt, das mögliche Verlustpotenzial ist riesig.
  4. Optionen für eine sichere Absicherung halten. Absichern kostet Prämie und ist nie umsonst. Eine teuer gekaufte Absicherung kann mehr kosten, als der abgesicherte Verlust ausgemacht hätte.

Deine Aufgabe

Such dir eine Aktie, die du kennst, und ruf bei einem Broker oder einer Finanzseite eine Optionskette dazu auf, nur zum Anschauen, ohne etwas zu kaufen. Wähl einen Call mit einem Strike nahe am aktuellen Kurs und notiere vier Dinge: Strike, Laufzeit, Prämie und wie viel davon innerer Wert und wie viel Zeitwert ist.

Rechne dann von Hand drei Verfallsszenarien durch, so wie im Beispiel oben: Der Kurs steigt deutlich, er steigt nur leicht, er fällt. Schreib zu jedem Szenario den Wert der Option am Verfallstag und deinen Gewinn oder Verlust auf. Diese Übung kostet nichts und zeigt dir schwarz auf weiß, wie oft eine Option trotz steigender Aktie Geld verliert.

Weiter lernen

Du kennst jetzt die Bausteine und vor allem die Risiken einer einzelnen Option. Die nächste Lektion baut darauf auf und ordnet ganze Strategien sowie verwandte Produkte ein: Optionsstrategien, Optionsscheine und Zertifikate, vom Covered Call bis zum Knock-out, immer mit Blick auf das Emittentenrisiko und die BaFin-Hinweise. Warum Risiko immer vor Rendite kommt, vertieft die Lektion Profi-Denken beginnt mit Risikomanagement. Wie Hebelprodukte regulatorisch eingeordnet werden, steht in Alternative Investments im Überblick.

Teste dein Verständnis

4 Fragen. Wähle jeweils eine Antwort, danach erscheint die Erklärung. Dein Ergebnis wird nur in deinem Browser gespeichert.

Frage 1: Lea kauft einen Call. Die Aktie steigt bis zum Verfall um 3 Prozent, doch ihre Option ist am Ende weniger wert als die gezahlte Prämie. Wie kann das sein?

Frage 2: Wie unterscheidet sich das maximale Verlustrisiko zwischen dem Käufer einer Option und dem Verkäufer eines ungedeckten Calls?

Frage 3: Was misst Theta, und gegen wen arbeitet es?

Frage 4: Was beschreibt die implizite Volatilität einer Option?

Bildungshinweis: Diese Lektion dient ausschließlich der Finanzbildung und stellt keine individuelle Anlage-, Steuer- oder Rechtsberatung dar. Genannte Produkte sind Lernbeispiele, keine Empfehlungen. Kapitalanlagen sind mit Risiken bis hin zum Totalverlust verbunden.