Finanzbildung· Lernpfad Aufbau · Lektion 11 ·14 Min. · Stand:

Risikokennzahlen: Volatilität, Drawdown, Sharpe

Wie du Risiko in Zahlen fasst und welche Kennzahl welche Frage beantwortet, von der Schwankungsbreite über den Maximalverlust bis zur risikobereinigten Rendite.

Wie du Risiko in Zahlen fasst und welche Kennzahl welche Frage beantwortet, von der Schwankungsbreite über den Maximalverlust bis zur risikobereinigten Rendite.

Das lernst du hier

  • Du kennst die wichtigsten Risikokennzahlen: Volatilität, Maximum Drawdown, Beta, Sharpe Ratio und Korrelation.
  • Du weißt, welche Kennzahl welche Frage beantwortet.
  • Du verstehst, dass Volatilität Schwankung misst, nicht die Gefahr eines dauerhaften Verlusts.

Hilfreich vorab: Risiko verstehen: mehr als nur Geld verlieren, Asset Allocation: die wichtigste Portfolioentscheidung

Jonas blickt auf zwei Anlagen in seinem Depot zurück. Sein breiter Welt-ETF und ein kleiner, schwankungsfreudiger Satellit haben über das Jahr fast dieselbe Rendite gebracht. Trotzdem fühlten sie sich völlig unterschiedlich an. Der ETF lief ruhig, der Satellit schoss hoch und runter und raubte ihm zwischendurch den Schlaf. Beide Male stand am Ende dieselbe Zahl, aber der Weg dorthin war ein ganz anderer.

Genau diesen Weg, das Risiko, kann man in Zahlen fassen. Risikokennzahlen beschreiben, wie wild eine Anlage schwankt, wie tief sie fallen kann und ob sich das eingegangene Risiko gelohnt hat. Sie machen das Gefühl „das war mir zu wild” vergleichbar und überprüfbar.

Wichtig vorweg, im Anschluss an die Basis-Lektion zum Risiko: Schwankung ist nicht dasselbe wie dauerhafter Verlust. Eine Kennzahl, die viel Schwankung anzeigt, ist kein Grund zur Panik, sondern eine Information. Diese Lektion zeigt dir die wichtigsten Maße und vor allem, welche Kennzahl welche Frage beantwortet.

Volatilität: wie stark schwankt es?

Die bekannteste Risikokennzahl ist die Volatilität. Sie ist die Standardabweichung der Renditen und misst, wie stark die Kurse um ihren Mittelwert schwanken, meist als Prozentwert pro Jahr. Eine hohe Volatilität bedeutet große Ausschläge nach oben wie nach unten, eine niedrige einen ruhigeren Verlauf.

Als Anschauung, mit erfundenen Zahlen: Ein breit gestreuter Aktien-ETF könnte eine Volatilität von etwa 15 Prozent haben, Jonas’ schwankungsfreudiger Satellit vielleicht 30 Prozent. Der Satellit schwankt also doppelt so stark. Die Volatilität beantwortet damit die Frage: Wie ruppig ist die Fahrt? Sie sagt aber nichts darüber, ob am Ende ein Verlust steht. Ein stark schwankender Welt-ETF hat über lange Zeit zuverlässig zugelegt, trotz seiner Ausschläge.

Maximum Drawdown: wie tief kann es fallen?

Für die Nerven ist eine andere Kennzahl oft wichtiger: der Maximum Drawdown. Er ist der größte Rückgang vom Höchststand bis zum tiefsten Punkt innerhalb eines Zeitraums. Er zeigt also, wie viel du im schlimmsten Fall zwischenzeitlich verloren hättest, wenn du genau am Hoch eingestiegen wärst.

In unserem Beispiel fiel der ruhige ETF im schlimmsten Moment um 20 Prozent, der Satellit dagegen um 55 Prozent. Diese Zahl ist deshalb so wertvoll, weil sie deine Belastbarkeit auf die Probe stellt. Die entscheidende Frage lautet nicht „wie hoch ist die Rendite”, sondern „würde ich einen Rückgang von 55 Prozent aushalten, ohne im Tief zu verkaufen”. Wer das ehrlich beantwortet, wählt sein Risiko klüger als jemand, der nur auf die Renditechance schaut.

Beta: wie stark hängt es vom Markt ab?

Das Beta misst, wie stark sich eine Anlage im Verhältnis zum Gesamtmarkt bewegt. Ein Beta von 1,0 bedeutet Gleichschritt mit dem Markt. Ein Beta über 1 heißt, die Anlage schwankt stärker als der Markt, ein Beta unter 1 schwächer. Ein Beta von 1,5 würde grob bedeuten: Steigt der Markt um 10 Prozent, legt die Anlage um etwa 15 Prozent zu, fällt er um 10 Prozent, verliert sie rund 15 Prozent.

Das Beta beantwortet die Frage: Verstärkt oder dämpft diese Anlage die Marktbewegungen? Für einen Satelliten ist das nützlich zu wissen, denn ein hohes Beta macht aus einem Marktrückgang einen noch größeren Einschlag im eigenen Depot. Beachte aber, dass das Beta nur die Abhängigkeit vom Markt erfasst, nicht das unternehmenseigene Risiko.

Sharpe Ratio: lohnt das Risiko?

Bisher ging es um die Höhe des Risikos. Die Sharpe Ratio verbindet Risiko und Rendite zu einer einzigen Zahl. Sie ist die Überrendite über dem risikofreien Zins, geteilt durch die Volatilität. Vereinfacht: Wie viel Rendite hast du je Einheit Risiko bekommen? Je höher die Sharpe Ratio, desto besser wurdest du für das eingegangene Risiko entlohnt. Als grobe Orientierung gilt ein Wert ab etwa 1 als gut.

Hier wird Jonas’ Beobachtung messbar. Sein ETF und sein Satellit brachten dieselbe Rendite, aber der Satellit schwankte doppelt so stark. Also hat der ETF die deutlich höhere Sharpe Ratio: dieselbe Belohnung für viel weniger Risiko. Genau deshalb ist die Sharpe Ratio so nützlich beim Vergleich. Zwei Anlagen mit gleicher Rendite sind eben nicht gleich gut, wenn die eine dafür weit größere Schwankungen verlangt.

Korrelation: bewegt es sich anders als der Rest?

Die letzte Kennzahl betrachtet nicht eine Anlage allein, sondern das Zusammenspiel zweier Anlagen. Die Korrelation misst, wie gleichläufig sie sich bewegen, auf einer Skala von minus 1 bis plus 1. Bei plus 1 laufen sie im Gleichschritt, bei minus 1 genau gegenläufig, bei 0 unabhängig voneinander.

Für die Diversifikation ist das der entscheidende Wert. Kombinierst du Anlagen mit geringer oder negativer Korrelation, gleichen sich ihre Schwankungen teilweise aus, und das Gesamtdepot wird ruhiger, ohne dass du die Renditechance ganz aufgibst. Das ist die zahlenseitige Begründung für die Asset Allocation, die du in der Lektion Asset Allocation kennengelernt hast. Wichtig bleibt die ehrliche Einschränkung: In schweren Krisen steigen viele Korrelationen, dann fällt vieles gemeinsam.

Welche Kennzahl beantwortet welche Frage

So ordnest du die Maße schnell ein:

KennzahlBeantwortet die Frage
VolatilitätWie stark schwankt es?
Maximum DrawdownWie tief kann es fallen?
BetaWie stark hängt es vom Markt ab?
Sharpe RatioLohnt sich die Rendite für das Risiko?
KorrelationBewegt es sich anders als der Rest des Depots?

Allen gemeinsam ist eine Grenze: Sie blicken zurück. Eine niedrige Volatilität der Vergangenheit ist keine Garantie für die Zukunft. Die Kennzahlen helfen beim Verstehen und Vergleichen, sie sagen die Zukunft nicht voraus.

Typische Fehler

Vier Missverständnisse begegnen einem bei Risikokennzahlen besonders oft:

  1. Volatilität mit Verlust gleichsetzen. Schwankung ist nicht dasselbe wie dauerhafter Verlust. Ein breiter ETF schwankt und steigt langfristig trotzdem.
  2. Nur die Rendite vergleichen. Zwei Anlagen mit gleicher Rendite können sehr unterschiedliche Risiken tragen. Erst die Sharpe Ratio macht sie vergleichbar.
  3. Kennzahlen als Zukunftsgarantie lesen. Alle Werte beruhen auf der Vergangenheit und können sich ändern.
  4. Den Maximum Drawdown unterschätzen. Wer sich vorher nicht ehrlich fragt, ob er einen tiefen Rückgang aushält, verkauft später im schlechtesten Moment.

Deine Aufgabe

Such dir zwei Anlagen heraus, etwa einen breiten Welt-ETF und einen schwankungsfreudigeren Themen- oder Branchen-ETF. Lies auf einem Vergleichsportal drei Werte ab: die Volatilität, den Maximum Drawdown und, falls angegeben, die Sharpe Ratio.

Stell sie nebeneinander und stell dir dann die ehrlichste Frage dieser Lektion: Welchen Maximum Drawdown hältst du wirklich aus, ohne zu verkaufen? Deine Antwort darauf sagt mehr über die für dich passende Anlage aus als jede Renditeprognose.

Weiter lernen

Du kannst Risiko jetzt nicht nur fühlen, sondern auch messen und vergleichen. Damit schließt sich ein Kreis, denn die größte Risikoquelle ist oft nicht die Anlage, sondern das eigene Verhalten. Die nächste Lektion widmet sich der Behavioral Finance, also den teuersten Anlegerfehlern und wie du ihnen entgehst. Wie du Risiko grundsätzlich einordnest, wiederholt die Basis-Lektion Risiko verstehen.

Teste dein Verständnis

4 Fragen. Wähle jeweils eine Antwort, danach erscheint die Erklärung. Dein Ergebnis wird nur in deinem Browser gespeichert.

Frage 1: Jonas vergleicht zwei Anlagen mit ähnlicher Rendite. Anlage A fiel im schlimmsten Moment um 20 Prozent, Anlage B um 55 Prozent. Welche Kennzahl beschreibt das, und worauf kommt es an?

Frage 2: Zwei Fonds erzielten dieselbe Rendite, aber Fonds A schwankte nur halb so stark wie Fonds B. Was folgt für die Sharpe Ratio?

Frage 3: Was misst die Volatilität, und was misst sie nicht?

Frage 4: Wofür ist die Korrelation zweier Anlagen wichtig?

Bildungshinweis: Diese Lektion dient ausschließlich der Finanzbildung und stellt keine individuelle Anlage-, Steuer- oder Rechtsberatung dar. Genannte Produkte sind Lernbeispiele, keine Empfehlungen. Kapitalanlagen sind mit Risiken bis hin zum Totalverlust verbunden.