· fideto · Strategie · 9 Min. Lesezeit

Buy, Borrow, Die: Was von der Strategie der Superreichen in Deutschland übrig bleibt

Vermögen kaufen, beleihen statt verkaufen, vererben. Die Buy-Borrow-Die-Strategie erklärt, warum Milliardäre kaum Steuern zahlen. Was hinter dem Prinzip steckt, was davon in Deutschland funktioniert und welche Risiken der Hebel birgt.

Vermögen kaufen, beleihen statt verkaufen, vererben. Die Buy-Borrow-Die-Strategie erklärt, warum Milliardäre kaum Steuern zahlen. Was hinter dem Prinzip steckt, was davon in Deutschland funktioniert und welche Risiken der Hebel birgt.

Im Juni 2021 veröffentlichte die Rechercheplattform ProPublica eine Auswertung geleakter Steuerdaten, die „Secret IRS Files”. Das Ergebnis: Die 25 reichsten Amerikaner steigerten ihr Vermögen zwischen 2014 und 2018 um zusammen 401 Milliarden Dollar, zahlten in diesem Zeitraum aber nur 13,6 Milliarden Dollar Einkommensteuer. Gemessen am Vermögenszuwachs entspricht das einer effektiven Steuerquote von 3,4 Prozent. Ein Angestellter mit mittlerem Einkommen liegt ein Vielfaches darüber.

Der Mechanismus dahinter ist kein Schlupfloch und kein Offshore-Konstrukt. Er ist legal, simpel und lässt sich in drei Worten zusammenfassen: Buy, Borrow, Die. Kaufen, beleihen, vererben.

Für deutsche Ohren klingt das doppelt befremdlich. Erstens, weil es nach Trickserei klingt, obwohl es schlicht der Logik des Steuerrechts folgt. Zweitens, weil der mittlere Schritt auf etwas beruht, das hierzulande fast reflexhaft abgelehnt wird: Schulden. Genau deshalb lohnt es sich, das Prinzip nüchtern zu zerlegen. Denn der Kern der Strategie ist nicht das Steuersparen im Erbfall, sondern eine grundsätzlichere Einsicht über den Umgang mit produktivem Kapital. Und die ist auch für Anleger relevant, die nie ein Milliardenvermögen vererben werden.

Buy, Borrow, Die oder Invest, Borrow, Die: Woher der Name stammt

Geprägt hat den Begriff der Steuerrechtsprofessor Edward J. McCaffery von der University of Southern California, Mitte der 1990er Jahre, zunächst als Merkformel für seine Studenten. Ausführlich beschrieben hat er das Prinzip 2002 in seinem Buch „Fair Not Flat”. Lange blieb die Formel ein akademisches Nischenthema, bis die ProPublica-Enthüllungen 2021 sie schlagartig populär machten. Inzwischen beschäftigt sich sogar die steuerrechtliche Fachliteratur mit der Frage, ob und wie der „Borrow”-Schritt besteuert werden könnte.

Die im Netz kursierende Variante „Invest, Borrow, Die” ist also kein eigenständiges Konzept, sondern eine spätere Umformulierung derselben Idee. Das Original und der in der Fachwelt etablierte Begriff ist Buy, Borrow, Die. Wer nach Hintergründen sucht, sucht am besten unter diesem Namen.

Wichtig ist außerdem: Die Strategie ist nicht auf eine Anlageklasse beschränkt. McCaffery beschreibt sie für alle wertsteigernden Vermögensgegenstände, also auch Immobilien, Unternehmensbeteiligungen oder Kunst. Immobilienbesitzer praktizieren den Kern seit jeher, wenn sie ein abbezahltes Objekt neu beleihen, statt es zu verkaufen. Das Prinzip funktioniert aber genauso mit einem reinen Wertpapierdepot, und dort ist es für Privatanleger am einfachsten umsetzbar.

Die Logik: Nicht realisierte Gewinne und Kredite sind kein Einkommen

Die Strategie nutzt zwei Grundregeln, die in fast allen Steuersystemen gelten. Erstens: Buchgewinne werden nicht besteuert, solange sie nicht realisiert werden. Wer eine Aktie hält, die sich verzehnfacht hat, schuldet darauf keinen Cent Steuer, bis er verkauft. Zweitens: Kredite sind kein Einkommen. Wer sich Geld leiht, erhält Liquidität, ohne ein steuerpflichtiges Ereignis auszulösen.

Daraus ergeben sich die drei Schritte. Buy: Vermögenswerte mit langfristigem Wertsteigerungspotenzial kaufen und halten. Borrow: Wenn Liquidität gebraucht wird, nicht verkaufen, sondern das Depot beleihen. In den USA geschieht das über sogenannte Securities-Backed Lines of Credit, bei denen Banken typischerweise 50 bis 70 Prozent des Depotwerts als Kreditrahmen einräumen. Die: Im Todesfall greift in den USA der „Step-up in Basis”. Die Erben übernehmen die Papiere zum Marktwert am Todestag, der gesamte aufgelaufene Kursgewinn wird einkommensteuerlich nie erfasst. Die Kredite tilgen die Erben aus dem Nachlass, der Rest bleibt in der Familie.

Wie groß die Dimensionen sind, zeigt ein Detail aus den ProPublica-Recherchen: Elon Musk hatte laut Tesla-Pflichtmitteilungen rund 92 Millionen Tesla-Aktien im damaligen Wert von etwa 57,7 Milliarden Dollar als Sicherheit für persönliche Kredite verpfändet. Verkauft hätte er auf die Gewinne Steuern gezahlt. Beliehen zahlte er Zinsen, die deutlich darunter lagen, und blieb voll investiert.

Was in Deutschland anders ist und was trotzdem bleibt

Der dritte Schritt funktioniert in Deutschland nicht. Es gibt keinen Step-up: Nach der sogenannten Fußstapfentheorie treten Erben steuerlich vollständig in die Position des Erblassers ein und übernehmen dessen ursprüngliche Anschaffungskosten. Verkaufen die Erben später, fällt Abgeltungsteuer auf den gesamten Kursgewinn seit dem ursprünglichen Kauf an, zusätzlich zur etwaigen Erbschaftsteuer. Eine Ausnahme bilden lediglich Altbestände, die vor 2009 gekauft wurden und deren Kursgewinne steuerfrei bleiben.

Zwei Elemente überleben den Transfer nach Deutschland trotzdem, und sie tragen den größten Teil des ökonomischen Werts der Strategie.

Das erste ist der Steuerstundungseffekt zu Lebzeiten. Wer Liquidität durch Verkauf beschafft, zahlt sofort 26,375 Prozent Abgeltungsteuer samt Solidaritätszuschlag auf den Gewinnanteil, gegebenenfalls plus Kirchensteuer. Dieses Geld ist endgültig weg und verzinst sich nie wieder. Wer stattdessen beleiht, lässt das Bruttokapital ungestört weiterarbeiten. Über Jahrzehnte ist der Unterschied zwischen Brutto- und Netto-Compounding erheblich, und genau hier liegt der eigentliche Hebel, nicht im Erbfall.

Das zweite Element betrifft die Erbschaftsteuer: Verbindlichkeiten mindern als Nachlassverbindlichkeiten den steuerpflichtigen Nachlass. Zusammen mit den Freibeträgen von 500.000 Euro für Ehegatten und 400.000 Euro je Kind bleibt ein beliehenes Depot erbschaftsteuerlich oft günstiger gestellt, als die Schlagworte vermuten lassen. Eine vollständige Steuervermeidung wie in den USA ist es nicht. Ein relevanter Effekt bleibt es trotzdem.

Ein Rechenbeispiel: Verkaufen oder beleihen

Ein Anleger hält ein Depot von 600.000 Euro, die Anschaffungskosten betrugen 300.000 Euro. Er benötigt 40.000 Euro Liquidität, etwa für eine Modernisierung oder eine berufliche Auszeit.

PositionVariante VerkaufVariante Beleihung
Entnommene Liquidität40.000 €40.000 € (Kredit)
Sofortige Steuerca. 5.275 € (auf 20.000 € Gewinn)0 €
Kapital, das investiert bleibt560.000 €600.000 €
Laufende Kostenkeineca. 1.600 €/Jahr bei 4% Zins
Beleihungsquoteentfälltca. 6,7% des Depotwerts

Beim Verkauf ist die Hälfte des entnommenen Betrags Gewinn, darauf fallen rund 5.275 Euro Steuern an. Zusätzlich fehlen die 40.000 Euro künftig im Depot: Bei einer angenommenen Marktrendite von sieben Prozent sind das rechnerisch 2.800 Euro entgangener Ertrag pro Jahr, mit Zinseszins wachsend. Die Beleihung kostet bei vier Prozent Zins 1.600 Euro jährlich, dafür bleibt das Kapital vollständig investiert und das Steuerereignis entfällt.

Die Rechnung geht auf, solange die langfristige Depotrendite über dem Kreditzins liegt und der Anleger die Zinslast tragen kann. Sie geht nicht automatisch auf: Fällt der Markt, verliert das voll investierte Depot mehr, während die Schuld unverändert stehen bleibt. Der Vergleich ist also keine Einbahnstraße, sondern eine Abwägung zwischen einer sicheren, endgültigen Steuerzahlung und einer laufenden, aber gestaltbaren Zinslast mit Marktrisiko.

Umsetzung in Deutschland: Wertpapierkredit, Margin-Darlehen und Portfolio Margin

Praktisch braucht die Strategie zwei Dinge: ein substanzielles, breit aufgestelltes Depot und einen Broker, der es zu vernünftigen Konditionen beleiht. Bei deutschen Banken heißt das Instrument Lombardkredit oder Wertpapierkredit. Die Zinssätze liegen dort allerdings häufig deutlich über dem Kapitalmarktniveau, was die Rechnung schnell kippen lässt.

Interactive Brokers, in Europa über die irische Tochtergesellschaft aktiv und auch für deutsche Anleger zugänglich, arbeitet stattdessen mit einem transparenten Modell: Der Sollzins ist an einen Referenzzins gekoppelt, für Eurokredite an den EZB-Satz, plus einem Aufschlag von 1,5 Prozentpunkten bei Volumina unter 100.000 Euro und 1,0 Prozentpunkten darüber. Das ergibt regelmäßig Konditionen, die näher an Hypothekenzinsen als an Konsumentenkrediten liegen. Der Kredit entsteht formlos, indem das Verrechnungskonto ins Minus läuft; es gibt keine Tilgungspläne, keine Zweckbindung und keine Bonitätsprüfung im klassischen Sinn, weil das Depot selbst die Sicherheit ist.

Wer größere Spielräume will, kann ab einem Kontowert von 100.000 US-Dollar auf Portfolio Margin umstellen. Dabei wird die Sicherheitsanforderung nicht starr pro Position berechnet, sondern risikobasiert für das Gesamtportfolio: Ein breit diversifiziertes Depot bindet weniger Margin, der Puffer bis zur Zwangsverwertung wächst. Für eine konservativ umgesetzte Buy-Borrow-Strategie mit niedriger Beleihung ist Portfolio Margin keine Voraussetzung, aber ein zusätzliches Sicherheitspolster, weil derselbe Kredit weiter von der kritischen Schwelle entfernt bleibt.

Die Risiken: Der Hebel kennt keine Gnade

Wer das Prinzip übernimmt, übernimmt auch seine Schattenseiten, und die sind real. Ein beliehenes Depot ist ein gehebeltes Depot. Fällt der Markt, sinkt der Depotwert, die Schuld bleibt. Unterschreitet die Sicherheit die Mindestanforderung, verwertet der Broker Positionen, bei Interactive Brokers automatisch und ohne die früher übliche Nachschussfrist. Im schlechtesten Fall wird genau am Tiefpunkt zwangsverkauft, also dann, wenn Verkaufen am teuersten ist. Dazu kommt das Zinsänderungsrisiko: Die Sätze sind variabel, und wer 2021 mit Zinsen nahe null kalkuliert hatte, zahlte 2023 ein Vielfaches.

Beherrschbar wird das nur durch Disziplin bei der Beleihungsquote. Wer 50 Prozent seines Depots beleiht, betreibt Spekulation auf Kredit. Wer 10 bis 20 Prozent beleiht, hält selbst bei einer Halbierung des Marktes ausreichend Abstand zur Zwangsverwertung. Diese Grenze gehört in ein schriftliches Regelwerk, genauso wie Risikoregeln für das Depot selbst, denn im Stress eines Crashs ist der Verstand ein schlechter Berater. Wer ohnehin prozessorientiert investiert, etwa mit einer regelbasierten, monatlich rekalibrierten Marktstärke-Strategie als Satellit neben einem breiten Kern, kennt das Muster: Nicht die Einzelentscheidung schützt, sondern die Regel, die vor der Krise festgelegt wurde.

Das deutsche Mindset: Schulden als moralische Kategorie

Bleibt die Frage, warum sich die Strategie hierzulande so fremd anfühlt. Ein Teil der Antwort steckt in der Sprache: Das Deutsche verwendet für finanzielle Verbindlichkeiten und moralisches Versagen dasselbe Wort. Wer Schulden hat, ist schuldig. Dazu kommt die historische Prägung: Die Erfahrung der Hyperinflation von 1923 wirkt nachweislich bis heute auf das Anlageverhalten der Deutschen, mit einer ausgeprägten Präferenz für nominale Sicherheit. Erst allmählich ändert sich das Bild: Laut Deutschem Aktieninstitut waren 2025 immerhin 14,1 Millionen Menschen in Aktien, Fonds oder ETFs investiert, rund jeder Fünfte ab 14 Jahren.

Dabei lohnt eine Unterscheidung, die in der pauschalen Schuldenskepsis verloren geht: Konsumschulden machen ärmer, weil sie künftiges Einkommen für vergangenen Konsum binden. Schulden gegen produktive Vermögenswerte sind eine andere Kategorie. Jedes Unternehmen finanziert sich selbstverständlich mit Fremdkapital, jeder Immobilienkäufer beleiht sein Objekt über Jahrzehnte, ohne dass jemand von Zockerei spricht. Nur beim Wertpapierdepot gilt dieselbe Technik als anrüchig. Das ist keine ökonomische Erkenntnis, sondern eine kulturelle Gewohnheit.

Fazit

Buy, Borrow, Die ist zunächst eine amerikanische Steuergeschichte, und ihr spektakulärster Baustein, der steuerfreie Step-up im Erbfall, existiert in Deutschland nicht. Der Kern des Prinzips überlebt die Übersetzung trotzdem: Wertsteigernde Vermögenswerte kaufen und halten, Liquiditätsbedarf über Beleihung statt Verkauf decken, Steuerereignisse aufschieben und das Bruttokapital arbeiten lassen. Das funktioniert mit Immobilien ebenso wie mit einem reinen Wertpapierdepot, und mit einem Broker wie Interactive Brokers ist die technische Umsetzung auch für Anleger weit unterhalb der Milliardärsklasse zugänglich, sofern die Kapitalbasis trägt.

Garantiert ist dabei nichts. Die Strategie tauscht eine sichere Steuerzahlung gegen Zinskosten plus Hebelrisiko, und dieser Tausch passt nur zu Anlegern, die niedrige Beleihungsquoten diszipliniert einhalten, Zinsanstiege verkraften und einen tiefen Drawdown aushalten können, ohne die Regeln zu brechen. Wer das nicht von sich sagen kann, fährt mit dem unbeliehenen Depot besser. Wer es prüfen will, sollte mit dem Prinzip beginnen, nicht mit dem Kredit: die eigene Risikotragfähigkeit ehrlich vermessen, eine harte Obergrenze für die Beleihung definieren und die Entscheidung wie jede andere Anlageentscheidung behandeln, als Regel, nicht als Bauchgefühl. Pauschal zu verwerfen ist das Prinzip nicht. Für jeden geeignet ist es genauso wenig. Dazwischen liegt, wie so oft, die eigene Hausaufgabe.

Risiko-Hinweis: Dieser Beitrag dient ausschließlich Informations- und Bildungszwecken und stellt keine individuelle Anlageberatung dar. Kapitalanlagen sind mit Risiken bis hin zum Totalverlust verbunden. Vergangene Wertentwicklungen sind kein verlässlicher Indikator für künftige Ergebnisse.
Interessenkonflikt-Hinweis: Der Autor, mit dem Autor verbundene Personen oder Unternehmen können in den genannten Wertpapieren und/oder darauf bezogenen Derivaten (Long oder Short) investiert sein oder künftig investieren. Solche Positionen können jederzeit eröffnet, verändert oder geschlossen werden, auch ohne gesonderte Mitteilung.
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