· fideto · Strategie · 9 Min. Lesezeit
Marktstärke systematisch nutzen
Relative Stärke gehört zu den am besten dokumentierten Kapitalmarktphänomenen. Was die Forschung seit 1967 belegt, warum Momentum funktioniert – und wie ein regelbasierter Prozess daraus eine nachvollziehbare Strategie macht.

Marktstärke beschreibt eine einfache Beobachtung: Aktien, die sich über die vergangenen Monate besser entwickelt haben als der Gesamtmarkt, setzen diese Outperformance im Durchschnitt noch eine Weile fort. Was wie eine Binsenweisheit aus dem Handelsraum klingt, ist tatsächlich eines der am besten dokumentierten Phänomene der Kapitalmarktforschung. Es trägt dort den Namen Momentum oder relative Stärke – und es hat eine bemerkenswerte Eigenschaft: Es widerspricht der reinen Lehre effizienter Märkte und ist trotzdem über Jahrzehnte, Länder und Anlageklassen hinweg nachweisbar.
Für Anleger ist das aus zwei Gründen interessant. Erstens, weil relative Stärke Kapital nicht nach Meinung, sondern nach beobachtbarem Marktverhalten ausrichtet. Zweitens, weil sie sich vollständig in Regeln fassen lässt. Genau dort setzt ein systematischer Ansatz an, wie ihn auch fideto verfolgt: Stärke messen, die Top-Performer auswählen, das Portfolio monatlich rekalibrieren. Bevor es um die Umsetzung geht, lohnt aber der Blick auf das Fundament – denn die Qualität einer Strategie hängt davon ab, wie belastbar ihre Grundannahme ist.
Eine kurze Geschichte der relativen Stärke
Die Idee ist älter, als viele vermuten. Bereits 1967 veröffentlichte Robert Levy im Journal of Finance den Aufsatz “Relative Strength as a Criterion for Investment Selection”. Er setzte den aktuellen Kurs einer Aktie ins Verhältnis zu ihrem gleitenden 26-Wochen-Durchschnitt, sortierte den Markt nach diesem Maß und fand: Die relativ stärksten Aktien blieben über die folgenden 26 Wochen überdurchschnittlich stark. Die akademische Welt nahm das Ergebnis lange nicht ernst – es passte nicht zur damals dominierenden Hypothese effizienter Märkte, nach der vergangene Kurse keine Information über künftige Renditen enthalten dürften.
Das änderte sich 1993. Narasimhan Jegadeesh und Sheridan Titman zeigten in ihrer Studie “Returns to Buying Winners and Selling Losers”, ebenfalls im Journal of Finance, dass eine Strategie, die Aktien mit der besten Entwicklung der vergangenen drei bis zwölf Monate kauft und die schwächsten verkauft, über die folgenden drei bis zwölf Monate systematisch positive Überrenditen erzielte. Sie testeten 16 Kombinationen aus Beobachtungs- und Haltedauer – jede einzelne lieferte positive Ergebnisse, im Durchschnitt etwa 0,9 bis 1,3 Prozent pro Monat für das Portfolio aus Gewinnern minus Verlierern. Die stärkste Variante kombinierte zwölf Monate Beobachtung mit drei Monaten Haltedauer und kam auf rund 1,31 Prozent monatlich.
Nur vier Jahre später lieferte Mark Carhart einen weiteren Beleg von unerwarteter Seite. In seiner Studie “On Persistence in Mutual Fund Performance” (1997) erweiterte er das Dreifaktorenmodell von Fama und French um einen Momentum-Faktor – und zeigte, dass die scheinbare “heiße Hand” erfolgreicher Fondsmanager zum großen Teil verschwindet, sobald man den Momentum-Effekt herausrechnet. Was wie Können aussah, war häufig schlicht relative Stärke im Portfolio.
Den vielleicht bemerkenswertesten Kommentar lieferten ausgerechnet Eugene Fama und Kenneth French, die Väter der modernen Effizienzmarkttheorie. In ihrer Arbeit “Dissecting Anomalies” (2008) bezeichneten sie Momentum als die “premier anomaly” – die herausragende Anomalie, robust und über jeden Verdacht statistischer Artefakte erhaben. Dass die prominentesten Verteidiger effizienter Märkte einem Effekt diese Einstufung geben, der ihrer eigenen Theorie widerspricht, ist in der Finanzforschung selten.
Die Forscher um Clifford Asness, Andrea Frazzini, Ronen Israel und Tobias Moskowitz (AQR) fassten den Stand der Evidenz 2014 in “Fact, Fiction and Momentum Investing” zusammen: Der Momentum-Effekt lässt sich in 212 Jahren US-Aktiendaten (1801 bis 2012) nachweisen, in rund 40 weiteren Ländern und in mehr als einem Dutzend anderer Anlageklassen – von Anleihen über Währungen bis zu Rohstoffen. Hinzu kommt: Auch mehr als zwei Jahrzehnte nach der Veröffentlichung von Jegadeesh und Titman blieb der Effekt außerhalb der ursprünglichen Stichprobe bestehen. Das unterscheidet Momentum von vielen Anomalien, die nach ihrer Entdeckung verschwanden.
| Meilenstein | Jahr | Kernergebnis |
|---|---|---|
| Levy | 1967 | Relative Stärke über 26 Wochen setzt sich fort |
| Jegadeesh / Titman | 1993 | Gewinner schlagen Verlierer um ca. 0,9–1,3 % pro Monat (3–12-Monats-Fenster) |
| Carhart | 1997 | Momentum erklärt einen Großteil der “Persistenz” von Fondsrenditen |
| Fama / French | 2008 | Momentum als “premier anomaly” eingestuft |
| Asness u. a. (AQR) | 2014 | Nachweis über 212 Jahre, ca. 40 Länder, über ein Dutzend Anlageklassen |
Warum der Effekt überhaupt existiert
Eine Strategie, deren Funktionsmechanismus man nicht versteht, sollte man nicht umsetzen. Beim Momentum liefert die Verhaltensökonomie die plausibelsten Erklärungen.
Die erste ist Unterreaktion. Neue Informationen – ein starkes Quartal, ein Produktdurchbruch, eine strukturelle Margenverbesserung – werden vom Markt nicht sofort vollständig eingepreist. Modelle wie die von Barberis, Shleifer und Vishny (1998) oder Hong und Stein (1999) zeigen, wie Nachrichten nur langsam durch den Markt diffundieren und Anleger an alten Einschätzungen kleben (Konservatismus und Ankereffekte). Der Kurs passt sich schrittweise an, nicht schlagartig – und genau diese schrittweise Anpassung ist als Trend messbar.
Die zweite Erklärung ist der Dispositionseffekt: die gut dokumentierte Neigung, Gewinneraktien zu früh zu verkaufen und an Verlierern zu lange festzuhalten. Verkaufsdruck bei steigenden Kursen bremst die Anpassung nach oben zusätzlich, Haltebereitschaft bei fallenden Kursen verzögert sie nach unten. Beides verlängert Trends.
Die dritte ist Herdenverhalten und verzögerte Überreaktion. Daniel, Hirshleifer und Subrahmanyam (1998) modellieren, wie Selbstüberschätzung und selektive Erfolgszuschreibung dazu führen, dass Anleger laufenden Trends folgen und sie verstärken. Wichtig ist die Reihenfolge: Erst Unterreaktion, dann Trendverstärkung, am Ende gelegentlich Übertreibung. Der mittlere Teil dieses Zyklus ist das, was eine Momentum-Strategie systematisch nutzt – der letzte Teil ist ihr größtes Risiko.
Da diese Mechanismen auf stabilen menschlichen Verhaltensmustern beruhen und nicht auf einer Marktineffizienz, die sich einfach wegarbitrieren lässt, spricht einiges dafür, dass der Effekt nicht bloß ein historischer Zufallsfund ist.
Von der Forschung in die Praxis: O’Neil, Minervini, Levermann
Parallel zur akademischen Forschung haben Praktiker relative Stärke längst operationalisiert. William O’Neil baute sie als zentrales Kriterium in seine CANSLIM-Methode ein: Das “L” steht für “Leader or Laggard”, und Investor’s Business Daily vergibt bis heute ein Relative-Strength-Rating von 1 bis 99, das die Kursentwicklung einer Aktie über 52 Wochen mit allen anderen Aktien vergleicht. O’Neils Regel: nur Werte mit einem Rating über 80 kaufen, also Aktien, die mindestens 80 Prozent des Marktes hinter sich lassen. Mark Minervini, mehrfacher Gewinner der US Investing Championship, arbeitet mit ähnlichen Schwellen und bevorzugt Werte mit Ratings im 90er-Bereich.
Auch in Deutschland gibt es etablierte Umsetzungen. Die Levermann-Strategie der ehemaligen Fondsmanagerin Susan Levermann bewertet Aktien anhand von 13 Kriterien mit Punktwerten – darunter explizit die Kursentwicklung der vergangenen sechs und zwölf Monate sowie das Kursmomentum, also klassische Momentum-Bausteine neben fundamentalen Kennzahlen. Das TSI-System von Börse Online verfolgt einen reinen Trendstärke-Ansatz: Aktien werden nach relativer Stärke gerankt, die trendstärksten Werte kommen ins Portfolio, schwächelnde fliegen nach festen Regeln wieder heraus. Beide Ansätze zeigen, dass sich relative Stärke in einfache, nachvollziehbare Regelwerke übersetzen lässt, die auch Privatanleger umsetzen können.
Die unbequeme Seite: Crashes, Kosten, Disziplin
Wer nur die Durchschnittsrenditen betrachtet, unterschätzt die Strategie systematisch falsch herum – nämlich ihre Risiken. Kent Daniel und Tobias Moskowitz haben in ihrer Studie “Momentum Crashes” dokumentiert, dass Momentum-Strategien selten, aber heftig einbrechen. Das Lehrbuchbeispiel ist 2009: Als die Märkte nach der Finanzkrise abrupt drehten, verlor das akademische Winner-minus-Loser-Portfolio innerhalb von rund drei Monaten über 70 Prozent. Der Grund: Nach schweren Markteinbrüchen bestehen die “Verlierer” aus stark gefallenen, hochzyklischen Aktien mit extremem Beta – erholt sich der Markt schlagartig, explodieren genau diese Werte, während die bisherigen Gewinner zurückbleiben. Daniel und Moskowitz zeigen, dass solche Crashes typischerweise in Panikphasen auftreten: nach Marktrückgängen, bei hoher Volatilität, zeitgleich mit scharfen Erholungen.
Für die Praxis folgen daraus drei Konsequenzen. Erstens betrifft das Crash-Risiko vor allem die Short-Seite der akademischen Strategie; eine Long-only-Umsetzung, die einfach starke Aktien hält, ist davon deutlich weniger betroffen, aber nicht immun. Zweitens verursacht Momentum naturgemäß Umschlag: Wer regelmäßig auf die aktuell stärksten Werte rotiert, handelt häufiger als ein Buy-and-hold-Anleger – Transaktionskosten und Steuern schmälern die Bruttorendite, weshalb effiziente Umsetzung kein Detail, sondern Teil der Strategie ist. Drittens verlangt der Ansatz Disziplin in genau den Momenten, in denen sie am schwersten fällt: Eine starke Aktie zu kaufen, die bereits deutlich gestiegen ist, widerspricht der Intuition vieler Anleger ebenso wie der Verkauf einer Position, die an relativer Stärke verliert.
| Risiko | Mechanismus | Sinnvoller Umgang |
|---|---|---|
| Momentum-Crash | scharfe Marktwende nach Panikphasen (z. B. 2009) | Long-only-Umsetzung, Risikobudget, Satellitenrolle |
| Umschlag und Kosten | regelmäßige Rotation in die stärksten Werte | feste Rekalibrierungstermine, effiziente Ausführung |
| Verhaltensfehler | Zögern beim Kauf von Gewinnern, Festhalten an Schwäche | regelbasierter Prozess statt Einzelfallentscheidung |
| Phasen der Schwäche | jede Strategie hat mehrjährige Durststrecken | realistische Erwartungen, Kombination mit Kernportfolio |
Was ein systematischer Prozess leisten muss
Die Forschung liefert das Fundament, aber sie liefert kein fertiges Depot. Zwischen dem akademischen Befund und einer umsetzbaren Strategie liegen Entscheidungen: Über welches Zeitfenster wird Stärke gemessen? Gegen welche Benchmark? Wie viele Positionen, wie oft wird angepasst, was passiert mit Werten, die an Stärke verlieren?
fideto übersetzt relative Stärke in einen bewusst schlanken Prozess: Stärke wird über mehrere Kriterien gemessen, daraus entsteht eine nachvollziehbare Rangfolge, die Top-Performer bilden das Portfolio, und einmal im Monat wird rekalibriert – Werte, die ihre relative Führung verlieren, werden ersetzt. Als Maßstab dient der S&P 500. Wichtig ist die Einordnung: Es handelt sich um eine Satellitenstrategie, also eine konzentrierte Ergänzung zu breiten Basisinvestments, nicht um deren Ersatz. Der Kern eines Vermögens sollte diversifiziert und auf die individuelle Risikotragfähigkeit zugeschnitten bleiben; der Satellit setzt gezielt auf Marktführerschaft.
Nicht jede starke Aktie wird dabei automatisch gekauft, und nicht jede Schwächephase führt sofort zu einer Anpassung. Der Wert eines solchen Prozesses liegt weniger in einzelnen Treffern als in der Wiederholbarkeit: Dieselben Regeln, derselbe Rhythmus, dieselben Kriterien – unabhängig von Stimmung und Schlagzeilen. Wer die Grundlagen relativer Stärke samt Evidenz und Grenzen Schritt für Schritt nachholen möchte, findet sie in der Lektion Momentum und relative Stärke im fideto-Lernbereich Finanzbildung.
Fazit: Evidenz ja, Selbstläufer nein
Relative Stärke ist keine Börsenfolklore. Von Levy 1967 über Jegadeesh und Titman 1993 bis zu Fama und French, die Momentum als herausragende Anomalie anerkannten, ist der Effekt so breit dokumentiert wie kaum ein zweiter – über zwei Jahrhunderte, Dutzende Länder und mehrere Anlageklassen. Die Erklärungen aus der Verhaltensökonomie machen plausibel, warum er bestehen bleibt: Er beruht auf menschlichen Reaktionsmustern, die sich nicht einfach abschalten lassen.
Zugleich ist Momentum kein Versprechen. Die Strategie hat dokumentierte Schwachstellen – seltene, heftige Crashes, laufende Kosten, lange Geduldsproben – und sie funktioniert nur für Anleger, die Regeln auch dann befolgen, wenn es unbequem wird. Wer Marktstärke nutzen will, braucht deshalb weniger eine Meinung über einzelne Aktien als einen Prozess, der Stärke messbar macht, Entscheidungen standardisiert und das Risiko durch die Einbettung in eine breitere Vermögensstruktur begrenzt. Systematik ersetzt nicht das Denken. Aber sie verhindert, dass jede Marktphase neu aus dem Bauch heraus interpretiert wird – und genau das ist bei einer Strategie, die der Intuition so oft widerspricht, der entscheidende Punkt.



