Finanzbildung· Lernpfad Basis · Lektion 5 ·9 Min. · Stand:
Was ist die Börse eigentlich?
Warum eine Aktie ein Stück Unternehmen ist, wie die Börse als Marktplatz funktioniert und wie Kurse durch Angebot und Nachfrage entstehen.

Das lernst du hier
- Du kannst erklären, was eine Aktie ist und was du mit ihr besitzt.
- Du verstehst, welche Aufgabe eine Börse hat und wie sie als Marktplatz funktioniert.
- Du kannst beschreiben, wie ein Aktienkurs durch Angebot und Nachfrage entsteht.
Hilfreich vorab: Warum Finanzbildung kein Luxus ist
Anna hat aus den ersten Lektionen viel mitgenommen: warum sie investieren möchte, wie sie ihre Finanzen ordnet und was der Zinseszins über die Jahre bewirken kann. Doch eine Frage hat sie sich nie getraut laut zu stellen, weil sie sie für zu banal hält: Was genau ist eigentlich diese Börse, von der alle reden? In ihrem Kopf ist das ein hektischer Ort mit blinkenden Zahlen und schreienden Männern in Anzügen, irgendwie bedrohlich und weit weg von ihrem Sparplan über 50 Euro.
Genau dieses Bild wollen wir hier auflösen. Die Börse ist im Kern etwas sehr Bodenständiges: ein Marktplatz. Und eine Aktie ist nichts Geheimnisvolles, sondern ein Stück von einem echten Unternehmen.
Diese Lektion erklärt dir drei Dinge: was du mit einer Aktie besitzt, welche Aufgabe eine Börse hat und wie ein Kurs überhaupt zustande kommt.
Eine Aktie ist ein Stück Unternehmen
Stell dir vor, ein Unternehmen wird in viele gleich große Stücke zerlegt. Jedes dieser Stücke ist eine Aktie. Wer eine Aktie besitzt, besitzt einen kleinen Teil des Unternehmens und wird damit Miteigentümer, nicht Gläubiger. Das ist der entscheidende Punkt: Du leihst dem Unternehmen kein Geld, du gehörst ein Stück weit dazu.
Dahinter steht eine bestimmte Rechtsform, die Aktiengesellschaft. Ihr Eigenkapital, das sogenannte Grundkapital, ist in Aktien zerlegt. In Deutschland muss eine Aktiengesellschaft laut Bundeszentrale für politische Bildung ein Grundkapital von mindestens 50.000 Euro haben. Große Konzerne sind in sehr viele Anteile zerlegt. Angenommen, ein Unternehmen besteht aus 50 Millionen Aktien und du kaufst 50 davon, dann gehört dir rechnerisch ein Millionstel des Unternehmens.
Als Miteigentümerin bist du am wirtschaftlichen Erfolg beteiligt. Macht das Unternehmen Gewinn, kann es einen Teil davon als Dividende ausschütten, also als Gewinnbeteiligung an die Aktionäre. Steigt der Wert des Unternehmens langfristig, kann auch der Wert deiner Anteile steigen. Beides ist möglich, aber nichts davon ist garantiert. Ein Unternehmen kann auch an Wert verlieren oder im schlimmsten Fall pleitegehen. Risiko ist nicht der Feind, unverstandenes Risiko ist der Feind, und deshalb gehört dieser Satz von Anfang an dazu.
Die Börse ist ein organisierter Marktplatz
Wenn eine Aktie ein Stück Unternehmen ist, dann ist die Börse der Ort, an dem diese Stücke gehandelt werden. Im Kern ist sie ein Marktplatz, ähnlich einem Wochenmarkt, nur dass nicht Obst und Gemüse den Besitzer wechseln, sondern Unternehmensanteile. Ihre Aufgabe ist es, Käufer und Verkäufer organisiert zusammenzubringen und für nachvollziehbare Preise zu sorgen.
Dabei erfüllt die Börse zwei verschiedene Funktionen. Am Primärmarkt sammeln Unternehmen frisches Geld ein, etwa wenn sie zum ersten Mal an die Börse gehen und neue Aktien ausgeben. Dieses Geld fließt direkt an das Unternehmen und finanziert zum Beispiel Wachstum oder Investitionen. Am Sekundärmarkt dagegen handeln Anleger die bereits ausgegebenen Aktien nur noch untereinander. Wenn Anna über ihren Sparplan Anteile kauft, kauft sie sie fast immer am Sekundärmarkt von einem anderen Anleger, nicht vom Unternehmen selbst.
In Deutschland läuft der allergrößte Teil dieses Handels über eine elektronische Plattform namens Xetra. Über sie werden laut Deutscher Börse rund 90 Prozent des gesamten Aktienhandels an deutschen Börsen abgewickelt. Von den schreienden Händlern aus Annas Vorstellung ist also wenig übrig. Das meiste passiert heute leise in Computersystemen.
Wie ein Kurs entsteht
Der Aktienkurs ist keine feste Zahl, die jemand vorgibt. Er entsteht laufend neu aus Angebot und Nachfrage, also aus dem, was Käufer zu zahlen bereit sind und was Verkäufer verlangen.
Das Prinzip ist einfach. Wollen mehr Menschen eine Aktie kaufen, als andere sie verkaufen wollen, müssen die Käufer etwas mehr bieten, um zum Zug zu kommen. Der Kurs steigt. Drängen umgekehrt mehr Verkäufer auf den Markt, als es Käufer gibt, müssen die Verkäufer mit dem Preis heruntergehen, um ihre Aktien loszuwerden. Der Kurs fällt. Steht eine Aktie zum Beispiel bei 80 Euro und treffen plötzlich viele Kaufaufträge auf wenige Verkäufer, kann der nächste Handel schon bei 81 oder 82 Euro stattfinden.
Damit dieser Handel auch dann reibungslos läuft, wenn gerade wenige Käufer und Verkäufer gleichzeitig da sind, gibt es an vielen Handelsplätzen sogenannte Market Maker. Das sind Teilnehmer, die laufend verbindliche An- und Verkaufspreise stellen und so dafür sorgen, dass du deine Order zügig und zu einem marktgerechten Preis ausführen kannst. Diese ständige Handelbarkeit nennt man Liquidität.
Wichtig ist die Schlussfolgerung daraus: Ein Kurs ist immer nur das Ergebnis der aktuellen Einschätzungen vieler Menschen, nicht eine objektive Wahrheit über den Wert eines Unternehmens. Deshalb schwanken Kurse, manchmal stark. Was hinter diesen Schwankungen steckt und wie Märkte als Ganzes bewertet werden, vertieft der Blogartikel Der Buffett-Indikator und die Marktbewertung.
Indizes bündeln viele Aktien
Ein Begriff begegnet dir ständig, wenn von der Börse die Rede ist: der Index. Ein Aktienindex fasst viele einzelne Aktien zu einer Kennzahl zusammen und macht so die Entwicklung eines ganzen Marktes auf einen Blick sichtbar.
Der bekannteste deutsche Index ist der DAX. Er bündelt die 40 größten an der Frankfurter Börse notierten Unternehmen. Steigt der DAX, sind im Schnitt die Kurse dieser 40 Unternehmen gestiegen. Ein Index ist also kein Produkt, das man direkt kauft, sondern ein Messinstrument. Wie aus so einem Index ein investierbares Produkt wird, mit dem du dein Geld breit über viele Unternehmen streuen kannst, ist Thema einer späteren Lektion über ETFs.
Typische Fehler
Drei Missverständnisse über die Börse halten sich besonders hartnäckig:
- Die Börse mit einem Casino verwechseln. Wer eine Aktie kauft, erwirbt einen realen Unternehmensanteil. Über lange Zeiträume folgt der Wert der Entwicklung der Unternehmen, nicht dem Zufall. Kurzfristig kann es trotzdem stark schwanken.
- Den Kurs für den wahren Wert halten. Der Kurs ist die aktuelle Meinung des Marktes, nicht eine objektive Bewertung. Er kann zu hoch oder zu niedrig sein.
- Glauben, das eigene Geld gehe ans Unternehmen. Beim Kauf am Sekundärmarkt bezahlst du einen anderen Anleger. Das Unternehmen bekommt frisches Geld nur am Primärmarkt, etwa beim Börsengang.
Deine Aufgabe
Such dir ein Unternehmen aus, dessen Produkte du im Alltag nutzt, zum Beispiel deinen Supermarkt, deinen Mobilfunkanbieter oder einen Hersteller, dessen Geräte du besitzt. Finde in fünf Minuten heraus, ob es eine Aktiengesellschaft ist und ob es an der Börse notiert ist. Eine einfache Suche nach dem Namen und dem Wort „Aktie” genügt meist.
Überlege dann: Wenn du eine Aktie dieses Unternehmens besäßest, wärst du an seinem Erfolg beteiligt. Würde dich das Geschäftsmodell als Miteigentümer überzeugen? Du musst nichts kaufen, es geht nur darum, die abstrakte Börse einmal mit einem konkreten, dir bekannten Unternehmen zu verbinden.
Weiter lernen
Jetzt weißt du, was eine Aktie ist und wie die Börse funktioniert. Im nächsten Schritt geht es um das, was viele Anfänger am meisten beschäftigt: das Risiko. Was bedeutet es wirklich, wenn Kurse schwanken, und wie gehst du damit um, ohne in Panik zu geraten? Eine Auffrischung, warum du überhaupt langfristig dabei bleibst, findest du in der Lektion Warum Finanzbildung kein Luxus ist.
Teste dein Verständnis
4 Fragen. Wähle jeweils eine Antwort, danach erscheint die Erklärung. Dein Ergebnis wird nur in deinem Browser gespeichert.
Frage 1: Anna kauft über ihren Sparplan einen kleinen Anteil an einem Unternehmen. Was besitzt sie damit?
Eine Aktie ist ein Eigentumsanteil an einer Aktiengesellschaft. Anna wird Miteigentümerin und ist am wirtschaftlichen Erfolg beteiligt. Ein festes Rückzahlungsversprechen wäre eine Anleihe, und eine reine Kurswette beschreibt die Aktie falsch.
Frage 2: An der Börse stehen für eine Aktie plötzlich deutlich mehr Kaufaufträge als Verkaufsaufträge an. Was passiert tendenziell mit dem Kurs?
Kurse entstehen aus Angebot und Nachfrage. Übersteigt die Nachfrage das Angebot, müssen Käufer mehr bieten, und der Kurs steigt. Die Börse gibt keine festen Preise vor, und viele Käufer drücken den Preis nicht nach unten, sondern nach oben.
Frage 3: Was ist der Unterschied zwischen Primärmarkt und Sekundärmarkt an der Börse?
Beim Börsengang oder einer Kapitalerhöhung fließt am Primärmarkt Geld an das Unternehmen. Danach wechseln die Aktien am Sekundärmarkt nur noch zwischen Anlegern den Besitzer, ohne dass das Unternehmen daran direkt verdient. Mit Vermögen der Anleger hat die Unterscheidung nichts zu tun.
Frage 4: Wozu dient eine Börse in erster Linie?
Eine Börse ist ein organisierter Marktplatz, der Angebot und Nachfrage zusammenführt und transparente Preise schafft. Steigende Kurse garantiert sie nicht, und den Wert eines Unternehmens bestimmen die Marktteilnehmer durch ihre Kauf- und Verkaufsentscheidungen, nicht die Börse selbst.